Sind Websites am Sterben? Eine unbequeme Frage.
Ich baue seit über 20 Jahren Websites. Und seit einer Weile beschäftigt mich eine Frage, die ich mir vor ein paar Jahren noch nicht gestellt hätte:
Wie lange braucht es das, was ich tue, noch?
Nicht als Krisenfrage. Eher als ehrliche Auseinandersetzung mit einer Entwicklung, die ich täglich beobachte – in meiner Arbeit, in den Tools, die ich nutze, und in den Gesprächen mit Kunden.
Die Antwort ist komplizierter als die Schlagzeilen, die man gerade überall liest. Und ich finde es interessanter, diese Komplexität auszuhalten, als sie in eine einfache Aussage zu pressen.
WordPress ist nicht tot. Aber die Frage ist berechtigt.
WordPress läuft heute auf über 40% aller Websites weltweit. Es wird aktiv weiterentwickelt, hat ein riesiges Ökosystem und ist für viele Projekte nach wie vor die sinnvollste Lösung. Ich arbeite täglich damit – und es funktioniert.
Wer heute sagt, WordPress sei tot, liegt falsch.
Aber wer sagt, das bleibt in fünf oder zehn Jahren genauso – der macht es sich zu einfach. KI-gestützte Tools, die Websites generieren, werden besser. Schneller. Zugänglicher. Nicht von heute auf morgen, aber die Richtung ist klar.
Was KI heute kann – und was nicht
Ich habe es selbst ausprobiert. Mit Figma Make und ähnlichen Tools, mit unterschiedlichem Aufwand und unterschiedlichen Erwartungen.
Das ehrliche Ergebnis: Eine Website, die mich wirklich überrascht, die ich nicht sofort einem Dutzend anderer Projekte zuordnen könnte – die habe ich noch nicht gesehen. Nicht von KI, nicht ohne intensives menschliches Zutun. Einmal hatte ich auf Anhieb ein brauchbares Ergebnis – aber nur, weil die Vorarbeit entsprechend tief war.
Was die Tools heute liefern, ist solide. Manchmal sogar gut. Aber eigenständig? Unverwechselbar? Noch nicht.
Dieses „noch“ trägt viel Gewicht.
Die Frage hinter der Frage
Vielleicht ist das aber gar nicht der entscheidende Punkt. Ob KI irgendwann bessere Websites baut als Menschen – das ist eine interessante Frage. Aber sie setzt voraus, dass es Websites als Format überhaupt noch gibt.
Und da wird es für mich wirklich spannend.
Stell dir vor: Du suchst neue Sneakers. Größe 38, grün, alltagstauglich, gut genug zum Skateboardfahren. Heute googelst du, filterst, klickst dich durch mehrere Shops, wirst von Algorithmen abgelenkt – und findest nach 40 Minuten oder 40 Stunden vielleicht das, was du gesucht hast. Oder auch nicht.
Jetzt stell dir vor, du beschreibst das einer KI – und sie baut dir in Echtzeit deinen persönlichen Shop. Nur mit Schuhen, die wirklich passen. Vorkuratiert, von allen Herstellern, gefiltert nach Lieferzeit, Umkreis, Preis. Bestellen kannst du gleich dort.
Keine zehn Tabs. Kein Scrollen durch irrelevante Ergebnisse. Kein Wechsel zwischen Websites.
In diesem Szenario füttern Anbieter nur noch ihre Produktdaten in ein System – und die KI baut die Oberfläche für jeden Nutzer neu, jedes Mal anders, perfekt zugeschnitten. Die Website als fixer Ort wird irrelevant.
Der Inhalt kommt zum Nutzer, nicht umgekehrt.
Science-Fiction? Vielleicht. Aber wer sich anschaut, wohin sich Perplexity, Google SGE und ChatGPT Shopping gerade entwickeln, erkennt: Die Richtung ist eingeschlagen.
Was ich wirklich denke
WordPress ist nicht tot. KI baut noch keine Websites, die mich begeistern. Beides stimmt – heute.
Wie das in zehn Jahren aussieht, weiß ich nicht. Und ich halte wenig davon, so zu tun, als ob.
Was ich interessanter finde als die Frage, welches Tool überlebt: Was bleibt, wenn das Format selbst sich verändert? Was ist der eigentliche Wert hinter dem, was wir bauen – unabhängig davon, womit wir es bauen?
Das ist die Frage, die mich wirklich beschäftigt. Und ich glaube, sie ist wichtiger als jede Schlagzeile über tote Tools.